Heute hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem Kommiliton. Auch er ist voll im Bachelor System und hat einen beispielhaften Fall erläutert.
Letztes Semester hat er eine Klausur nicht mitgeschrieben, weil er sich unvorbereitet fühlte. Er hat aktiv am Tutorium teilgenommen. Um zur Klausur zugelassen zu werden müssen bei der TU drei Dinge geschehen.
1. Aktive Teilnahme
… bedeutet konkret, dass man je nach Regelungen 1-2x “vorrechnen” muss. In den naturwissenschaftlichen Fächern gibt es Aufgaben, die man lösen muss, diese werden dann “vorgerechnet”. In anderen Fällen auch eventuell Referate oder sonst was.
2. 50-60% der Aufgaben korrekt
Man bekommt pro Woche, pro Kurs einen Satz Hausaufgaben, den man bis zur einer Frist abgeben muss. Um zur Klausur zugelassen zu werden, muss ein gewisser Prozentsatz korrekt bearbeitet sein.
3. 85% Quote
… bedeutet, dass man in 85% der stattfinden Tutorien anwesend sein muss. Meistens hat man dann 2 Freischeine, an denen man nicht kommen muss.
Erst, wenn man diese drei Dinge erfüllt hat, wird man überhaupt zur Klausur zugelassen. Wenn man dann die Klausur schreibt hängt die Note des kompletten Kurses nur von der Klausurnote ab. Die Vorlesung ist dagegen vollkommen optional.
Der Witz an der ganzen Geschichte ist, dass diese 3 Punkte vollkommen unabhängig sind. Man kann in einem Semester vorrechnen, dann im nächsten die Aufgaben bearbeiten und im dritten mit einer Zeitung im Tutorium seine Zeit absitzen.
Wenn man dies alles nun in einem Semester schaffen will, stellt die aktive Teilnahme kein großes Problem dar. Doch schon allein die Pflicht dieser Hausaufgaben ist verherrend. Denn wenn man einen Zettel mal nicht abgibt, sind es sofort 0 Punkte. Das Problem meines Kommilitonens war, dass die Aufgaben nur zu Lösen sind, wenn er in den Tutorien Hilfestellungen bekommt und dies ist die eigentliche Katastrophe. Wie bei uns sind durch absoluten Tutormangel die Tutorien vollkommen überfüllt. Ich sitze mit 30 Leuten im TI Tutorium. Man kann weder eine Frage stellen, noch versteht man irgendetwas von dem, was der Tutor sagt. Die aktive Teilname ist dort so geregelt, dass gleich 2-3 Personen eine Aufgabe an der Tafel lösen, so einfach die Lösung auch sein mag, einfache Massenabfertigung. Der Tutor versucht verzweifelt gegen den Geräuschpegel anzukämpfen. Man fühlt sich wie in einem Hühnerstall. Dem zu entfliehen ist unmöglich, weil einem sonst die 85% Quote heimsucht.
Es ist ein Zustand, den ich nie von einer Uni erwarten würde. Die einzige Möglichkeit, diesem Chaos Herr zu werden ist schlicht und einfach schummeln. Man lässt sich von anderen in die Anwesenheitslisten eintragen. Man schreibt Hausaufgaben ab, alles wie in der Schule in einem uninteressanten Fach.
Das muss man sich erst einmal klar machen. Ich schreibe mich an der Uni für das ein, was mich interessiert, womit ich womöglich meinen Arbeitsleben mit verbringen möchte und ich muss schummeln. Ich muss schummeln um überhaupt zu Klausur zugelassen zu werden. Hilfesuchend renn ich in die Vorlesungen und muss feststellen, das die Professoren auch nur ihr Script von vor 10 Jahren vorlesen.
Es sieht ja fast so aus, als gibt es garkein Interesse daran junge Abiturienten, wie mich, zu bilden und dafür zu sorgen, dass ich mich für eine Sache engagiere.
Ich will aber nicht Schummeln und ich will sehr wohl Spass an dem haben, was ich mache. Wenn ich mich in ein Tutorium setzte, wo 29 andere auch sitzten hat das überhaupt keinen Effekt, ich bekomm keinen Stoff mit, geschweige denn Interesse. Viel lieber würde ich die Dinge zuhause, oder mit anderen Leuten machen, die sich genauso dafür interessieren. Aber die Möglichkeit hat man einfach nicht, man wird sozusagen in diesen stinkenden, lauten Hühnerstall gezwungen.
Diese 85% Quote gehört einfach abgeschafft. Ich kann mir noch nicht einmal erklären, warum es sie überhaupt gibt. Ich kenne genug Leute, die auch ohne Zwang ins Tutorium gehen würden und ich zähl mich selbst auch dazu. Ich meine, wenn man sich für einen Studiengang entschließt, muss man zusehen, dass man aktiv bleibt und wenn man ein Thema schon kann oder es verstanden hat, dann kann es nicht sein, dass man zum Tutorium gezwungen wird. So passiert es, dass vllt. 5/30 den Stoff können und weitere 10 überhaupt keine lust auf das Tutorium haben und versuchen ein schnelleres Ende zu erreichen. Das bedeutet ja, dass 50% der Leute überhaupt garkein Interesse haben, daran teilzunehmen, aus welchen Gründen auch immer. Daher das Chaos, daher die Zwecklosigkeit.
Ich bin maßlos enttäuscht über diese Regelung und über die Organisation der Uni. Keine Selbstentfaltung, wie man als Schüler träumt, eher eine Scheuklappenausbildung mit Stressgarantie…